Informieren und diskutieren: Das stand jetzt bei der Mittelstandskonferenz im Peiner Forum an. Dazu eingeladen hatten der Industrie- und Wirtschaftsverein für Peine und Umgebung, die Kreishandwerkerschaft Peine und der Peiner Bundestagsabgeordnete Hubertus Heil, der zugleich Bundesminister für Arbeit und Soziales ist. Besonderes Augenmerk wurde auf zwei Probleme gelegt, die nicht nur die lokale Wirtschaft betreffen: der Mangel an Fachkräften und überbordende Bürokratie.

Foto: Ralf Büchler

Von den 1980er Jahren bis in die 2000er hinein seien meist Steuern und weitere Abgaben als größter Kritikpunkt seitens der Wirtschaft genannt worden, sagte Stefan Honrath, Vorsitzender des Wirtschafts- und Industrievereins. Das habe sich mittlerweile geändert: Heute würde oft die Bürokratie an erster Stelle der Probleme genannt – obwohl die Steuern zwischenzeitlich nicht unternehmerfreundlicher gestaltet worden seien. Auf gleicher Höhe stehe auf der „Problemliste“ der Fachkräftemangel. „Das ist bei uns allen gleich, ob nun im Handwerk oder im Handel“, meinte Kreishandwerksmeister Ulf Glagow.

Derzeit gebe es „viele Hiobsbotschaften in der Region“, sagte Hubertus Heil. Vor Corona sei es auf dem Arbeitsmarkt vorangegangen, jetzt jedoch sehe die Sache leider anders aus. Mit der Peiner Umformtechnik (PUT) sei nach mehreren Rettungsversuchen ein Traditionsunternehmen in die Insolvenz gegangen, auch die derzeitige VW-Krise betreffe viele Peinerinnen und Peiner. Paradoxerweise seien noch nie so viele Menschen in Deutschland in Arbeit gewesen wie heute: 46 Millionen Erwerbstätige seien zuletzt gezählt worden. Doch allein durch den demografischen Wandel werde sich das in absehbarer Zeit ändern. Einer Prognose zufolge müssen bis 2035 sieben Millionen Fachkräfte ersetzt werden. „Und wir brauchen nicht nur Bachelor und Master, sondern auch Gesellen und Meister“, betonte Heil.

Dafür müssten auch im Landkreis Peine die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gefördert sowie besonders kleine und mittelständische Betriebe unterstützt werden. Doch wie kann man neue Fachkräfte gewinnen? Da gebe es unterschiedliche Ansätze, meinte Heil. Unter anderem brauche man qualifizierte Einwanderer. Das zeigte auch ein Bericht von Evelyne Beger, Leiterin der für Peine zuständigen Agentur für Arbeit Hildesheim: Im vergangenen Jahr hätten ausschließlich ausländische Staatsangehörige zum Beschäftigungsaufbau in der Region beigetragen. Ohne sie hätte es düster ausgesehen.

Im Kreis Peine würden derzeit 827 Ukrainerinnen und Ukrainer – 562 Frauen und 310 Männer – zum sogenannten Bewerberpotenzial gezählt, erklärte Claudia Geyer, Leiterin des Peiner Jobcenters. „Das ist eine ganze Menge und eine Chance für unseren Landkreis.“ Ein Knackpunkt sei jedoch das ukrainische Ausbildungssystem – denn das sei erst seit 2015 dual und könne somit in vielen Bereichen auch in Deutschland anerkannt werden. Allerdings wolle man Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber überprüfen lassen und diese schon bald mit potenziellen Bewerbern zusammenbringen. „Für jede Lebenslage und jeden individuellen Bedarf gibt es eine Lösung“, ist Geyer überzeugt.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion betonte Honrath, dass aufgrund der Konjunktur derzeit „tatsächlich schlechte Stimmung“ herrsche. Immer weniger Unternehmen hätten gute Aussichten für sich – und private Verbraucherinnen und Verbraucher seien verunsichert. Der Bürokratieabbau könne helfen, Hürden zu beseitigen. „Man muss spüren, dass es auch unkompliziert geht“, meinte Honrath. Glagow, der einen Malereibetrieb hat, berichtete aus eigener Erfahrung: Man müsse viel zu viel dokumentieren und melden, was Zeit und Nerven koste.

Schauen, wo genau die größten Bürokratie-Probleme liegen

Besonders bei Planung und Genehmigung beim Straßenbau und dem Ausbau des Energienetzes gehe es aufgrund der Bürokratie zu langsam voran, sagte Heil. Dabei sei das entsprechende Vergaberecht einmal entstanden, um Korruption zu verhindern. Doch aus dieser an sich guten Idee habe sich ein enorm komplexer Apparat entwickelt. Zunächst sollte man sortieren, welche Art von Bürokratie für Handel und Handwerk die größten Probleme verursacht. Man brauche konkrete Beispiele: „Sonst reden wir in zehn Jahren immer noch über Bürokratieabbau“, meinte der SPD-Bundestagsabgeordnete.

Ein konkretes Beispiel konnte ein Wendeburger Unternehmer nennen: Er habe viel zu lange auf seine Baugenehmigung, zu der auch die Installation einer Wärmepumpe gehört, warten müssen. Zu tun habe das unter anderem damit, dass jedes Bundesland ein eigenes Baugesetz hat, sagte Heil. Er selbst halte das für unsinnig, ein einziges Gesetz für ganz Deutschland könnte effizienter sein.

Zum Thema Fachkräfte meldete sich ein Peiner Unternehmer zu Wort: Bei ihm würde ein Einwanderer arbeiten, der nicht fließend Deutsch spricht. Deshalb sei dieser verpflichtet, einen Sprachkurs zu besuchen. Doch aus Sicht des Unternehmers sei das gar nicht nötig, der Angestellte lerne im Betrieb täglich bei der Sprache dazu und habe jetzt schon ausreichende Kenntnisse für seinen Job. Diesbezüglich werde er sich um flexiblere Lösungen bemühen, versprach Heil.